Die Regensburger Rede im Kontext

 

 

Nach seiner Wahl zum Papst im April 2005 bedeutete die Reise nach München, Altötting und Regensburg im September 2006 – ein gutes Jahr später – vor allem einen Besuch seiner bayerischen Heimat. Den eigentlichen Staatsbesuch stattete der Heilige Vater der Bundesrepublik erst fünf Jahre später ab.

 

Die Orte der Apostolischen Reise nach Bayern waren auf vielfältige Weise mit der Biographie Benedikts verbunden: In München war Josef Ratzinger einst Erzbischof, bevor Johannes Paul II. ihn nach Rom gebeten hatte, um die Glaubenskongregation zu leiten. In Altötting liegt nicht nur der bekannteste Marienwallfahrtsort des Freistaates, im selben Landkreis befindet sich in Marktl das Geburtshaus des späteren Pontifex. An der Universität in Regensburg schließlich war Ratzinger Professor, bevor er Erzbischof wurde. Sein akademisches Wirken hatte in Freising begonnen und über Bonn und Tübingen schließlich zurück in die Oberpfalz nach Regensburg geführt.

 

So gesehen hat der Besuch in Regensburg eine Wiederbegegnung mit der akademischen Laufbahn bedeutet, die Vorlesung an der Universität eine Anknüpfung an den philosophisch-theologischen Diskurs, den weder Ratzinger noch Benedikt je verlassen hatten. Man konnte also erwarten, dass es in der geplanten Vorlesung um grundsätzliche Fragen zum Verhältnis von Religion und Wissenschaften gehen würde, und dies in einer Sprache, die dem universitären Rahmen angemessen war. Die Regensburger Rede war eine herausragende, historische Gelegenheit, ein Signal zu setzen.

 

Tatsächlich hat Benedikt die Erwartungen mehr als erfüllt. Seine Vorlesung wurde von der Universität Tübingen als Rede des Jahres 2006 ausgezeichnet. Unter anderem heißt es dort:

 

„Die Rede ist in ihrer vielstimmigen und doch geradlinigen Komposition meisterhaft gebaut. Der Papst bringt sowohl seine eigene Biographie ins Spiel wie seine kritische Vernunft und religiöse Überzeugung. Er beeindruckt durch einen ungewohnt persönlichen und zugleich reflektierten Redegestus, der darauf aus ist, andere mit Mitteln der Vernunft zu überzeugen. … Das geschieht in einer für die akademische Redegattung Vorlesung vorbildlichen gedanklich konzentrierten, dabei immer historisch anschaulichen und argumentativ überzeugenden Weise, in der sich eben jene Fähigkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken äußert, die einst Kaiser Manuel schon von einem Gläubigen erwartete.“

 

Dass ein aus dem Zusammenhang isoliertes und fälschlicherweise Benedikt zugeschriebenes Zitat die Rede in ein falsches öffentliches Licht rückte, muss als doppelt tragisch gelten: Einerseits war die fragliche Textstelle mehrfach gegen diese Zuschreibung gesichert. Andererseits wurde der eigentliche Gehalt der Vorlesung damit noch weniger zur Kenntnis genommen. Zwar berührt die Regensburger Rege in der Tat zentrale Fragen der menschlichen Existenz und fundamentale Aspekte des Wissenschaftsbetriebs, doch konnte man kaum annehmen, dass sich plötzlich weite Kreise der Bevölkerung für eine akademische Rede interessierten.

 

Durch nachträgliche Ergänzungen und Hinweise sollte schließlich zusätzlich verdeutlicht werden, welche Absicht der Vorlesung tatsächlich zugrunde lagen.

 

Während sich unmittelbar im Anschluss an die Regensburger Rede mehrere Arbeiten mit ihrem Gehalt und ihrer Bedeutung für angrenzende Disziplinen befassten, hat sich die grundsätzliche Diskussion ihres Anliegens danach verlangsamt. Mit seiner Ansprache vor dem Deutschen Bundestag hat Benedikt XVI. das fundamentale Anliegen seines Pontifikats 2011 noch einmal bekräftigt:

 

„Wo die alleinige Herrschaft der positivistischen Vernunft gilt – und das ist in unserem öffentlichen Bewußtsein weithin der Fall –, da sind die klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht außer Kraft gesetzt. Dies ist eine dramatische Situation, die alle angeht und über die eine öffentliche Diskussion notwendig ist, zu der dringend einzuladen eine wesentliche Absicht dieser Rede ist.